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Aus der Chronik des Männergesangvereins
»Harmonie« Schlewecke
Verfasser: Werner Fellmann Ortschronist
Als unser Männergesangverein gegründet wurde gab es noch gar kein einheitliches Deutsches Reich, die Industrialisierung unseres Vaterlandes steckte noch in den ersten Anfängen und Autos sowie Flugzeuge waren noch vollkommen unbekannte Begriffe.
Leider sind die Protokollbücher aus den ersten Jahren des Vereinslebens trotz intensiver Nachforschungen (schon in den früheren Jahren) nicht mehr auffindbar. Dasselbe gilt auch für die Satzungen. Es findet sich in einem der ersten Protokollbücher lediglich der Hinweis, dass der Verein am 17.Dezember 1867 ins Leben gerufen wurde. So konnten bemerkenswerte Ereignisse  aus dieser Zeit nur an Hand von Unterlagen, wie Einladungen, alter Rechnungen und Quittungen oder anderer schriftlicher Aufzeichnungen, selbst zusammengestellt werden.
Eine erste noch erhaltene Rechnung stammt aus dem Jahre 1883. Sie beinhaltet eine Forderung in Höhe von 20 Mark für "Bemühungen eines Cantors Germers in 4 Monaten". Andere vorliegende Unterlagen beweisen, dass unser Verein um die Jahrhundertwende seine Veranstaltungen in heimischen Zeitungen bekannt gab. So liegen uns noch zwei Rechnungen der Verleger der "Provinzial-" und der "Seesener Zeitung" aus den Jahren 1899 und 1909 vor, in denen die Gebühr für eine Anzeige, betitelt "Sylvesterabend", und eine weitere unter der Bezeichnung "Konzert und Ball" mit 4,55 Mark und 1,00 Mark ausgewiesen werden.
Interessant ist auch eine Rechnung eines F. Schumann, Musikdirektor der Stadt Bockenem, ausgestellt am 24. Februar 1908, über einen Betrag von 54 Mark für "gelieferte Musik".
Mit der thüringischen Firma G. Danner (Mühlhausen) pflegte. unser Verein in diesen alten Zeiten rege Geschäftsverbindungen. Da diese Firma, wie sie in ihren Rechnungen angibt, eine "Theater-, Buch- und Musikhandlung, Special-Abteilung: Ball- & Cotillon-Artikel" darstellte,
und unser Verein bei ihr vorwiegend Theater- und humoristische Vortragsstücke bestellte, so dürfen wir wohl mit Recht annehmen, dass auch schon während der ersten Jahrzehnte des Bestehens unseres Männergesangvereins die Geselligkeit einen bevorzugten Platz einnahm. 

In diesem Zusammenhang muss vielleicht auch das-damalige Verhältnis des Gesangvereins zur Ortskirche erwähnt werden. Anläßtich der Einführung eines neuen Geistlichen am 11. Dezember 1908 las August Emmermann folgendes, in der Oriqinalfassunq noch vorhandenes Schreiben vor:
"Sehr geehrter Herr Pfarrer!
Wir, die Gesangvereine unserer Kirchengemeinde, sind hier erschienen, um Sie als neuen Pfarrer zu begrüßen und zu beglückwünschen. Möge es auch Ihnen, gleich Ihrem in Gott ruhenden Vorgänger, gelingen, sich die Liebe und Hochachtung der ganzen Gemeinde zu erwerben und zu erhalten, damit Ihnen Ihr Schaffen zur Freude wird, und der Gemeinde zum Segen gereicht. Diese unsere Wünsche möchten wir noch verbinden mit den Worten des Chorals: Mit dem Herrn fang alles an, kindlich musst Du ihm vertrauen!"
Ebenfalls liegen uns noch alte Einladungen benachbarter und befreundeter Männergesangvereine vor. Möge die des Männergesangvereins Ölber a. w.Wege vom 15. März 1912 stellvertretend für alle anderen hier aufgeführt werden:
"Hoch verehrte Sangesbrüder!
Am 28. u. 29. Juli d. J. feiert der hiesige Männergesangverein ein größeres Sängerfest, wozu wir Ihren Verein einladen. Als Chorlied ist bestimmt: ,Brüder, reicht die Hand zum Bunde'. Empfang der geladenen Vereine von 12-2 Uhr. Ihre gef. Zusage, sowie die Angabe Ihres Vortragsliedes, erbitten wir bis zum 15. Juni d. J. Auch bitten wir um Angabe, für wieviel Pferde Stallung gewünscht wird. Mit deutschem Sängergruß!

Männergesangverein Ölber a. w. W." 
 
Wenn auch die Form der Einladungen sich bis heute erhalten hat, so verrät uns zumindest der letzte Satz, wie damals die Sangesbrüder zu den entfernteren Orten gelangt sind, nämlich mit Pferd und Wagen! Es würde den Rahmen dieses Berichtes weit sprengen, wenn auf alle noch vorhandenen Originalberichte oder sonstigen Unterlagen eingegangen würde, doch scheint eine Rechnung des damaligen Schlewecker Stellmachermeisters Heinrich Buschbaum vom 17. Juni  1910 noch erwähnenswert. Es heißt darin:

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Diese Rechnung steht übrigens im Zusammenhang mit einem großen Sängerfest, das am 5. und 6. Juni 1910 in Schlewecke stattgefunden hat und mit einem "fürstlichen" Überschuss von zwei Mark abschloss! Das muss man jedenfalls den vollzählig vorhandenen Unterlagen über dieses Fest entnehmen!
Der 1. Weltkrieg 1914-1918 unterbrach die Tätigkeit des Männergesangvereins für lange Jahre. Erst im Februar 1919 beschloss man, anlässlich einer Begrüßungsfeier für die heimgekehrten Frontkämpfer, den Gesangverein wieder neu ins Leben zu rufen. Über die Tätigkeit des Vereins in diesen Jahren gibt uns ein am 11. Oktober 1924 begonnenes Protokollbuch Auskunft. So führte man bis zum 5. März 1925 über jeden Singabend genau Protokoll, wobei man insbesondere gewissenhaft vermerkte, wer "unentschuldigt", "entschuldigt" fehlte oder zu spät kam. Die "Sünder" meldete der Schriftführer sogar zur "Bestrafung". Am 4. Dezember 1924 wird lediglich im Protokoll festqehalten, dass die "säumigen Mitglieder einmal schriftlich aufzufordern sind, zu den Singabenden zu erscheinen, widrigenfalls sie ausgeschlossen werden".
 
Die Singabende fanden bis zum 11. Oktober 1924 in der Schule statt. Dann wechselte man in die Gastwirtschaft Wilhelm Winkelvoß über.
Gelegentlich schien es dem Vorstand auch wichtig zu sein, den Sangesbrüdern die Statuten des Vereins einmal "öffentlich vorzulesen, damit jedes Mitglied über seine Rechte und Pflichten dem Verein gegenüber informiert ist". So lautete jedenfalls ein Beschluss, der am 29. Januar 1925 an einem Singabend gefasst worden war.
Auch die Aufnahme neuer Mitglieder betrachtete man in dieser Zeit als eine sehr ernsthafte Angelegenheit, über die zunächst lebhaft diskutiert und dann abgestimmt wurde. Es kam durchaus einmal vor, dass ein Bewerber durch eine negative Abstimmung von der Aufnahme in den Verein ausgeschlossen wurde.
Die Geselligkeit hatte in unserem Verein stets ihren festen Platz. So fanden regelmäßig mit einer Tombola verbundene Wintervergnügen statt, zu denen in den meisten Fällen die Bockenemer Kapelle Fischer oder die Volkersheimer Kapelle Bothe zum Tanz aufspielten.
Im Jahre 1931 wurden die Singabende in die Gastwirtschaft Wolter verlegt.
Die Machtergreifung durch Hitler im Jahre 1933 wirkte sich anscheinend nicht wesentlich auf das Vereinsleben aus. Irgendwelche Vermerke sind jedenfalls im Protokollbuch nicht festzustellen. Bedauerlicherweise muss festgestellt werden, dass im Protokollbuch über die Zeit von 1933 bis zum Kriegsausbruch 1939 nur wenig Aufzeichnungen über das Vereinsleben in diesen Jahren zu finden sind. Wir können lediglich nachlesen, dass die Lehrer Angerstein und Denecke von 1934 bis 1939 die Leitung der Singabende innehatten.
Während des 2. Weltkrieges ruhte naturgemäß jeglicher Singbetrieb in unserem Männergesangverein. Erst 3 Jahre nach Beendigung des Krieges, am 27. Februar 1948, trafen sich 23 Sangesbrüder, die unter der Leitung des Hilfslehrers Walter Koch, der später unserem Verein als Ehrendirigent angehörte, um das Singen wieder aufzunehmen. Die Mitgliederzahl stieg jedoch in den folgenden Jahren rapide, so dass bald eine durchschnittliche Mitgliederzahl von 40 Sängern erreicht wurde, die auch in den fünfziger Jahren ziemlich konstant blieb. Als jedoch die Motorisierung um sich griff und das Fernsehen sich immer größerer Beliebtheit erfreute, begann auch für unseren Verein eine schwere Zeit. Die Jugend verlor das Interesse an dem Gesangverein und wandte sich anderen Idealen zu. Doch die alten Sänger blieben ihrem Verein treu, und ab und zu gesellte sich auch ein junger ihnen zu. Erst in den sechziger Jahren strömten wieder mehr jugendliche Kräfte zu unserem Verein, so dass wir wieder mit einiqer Zuversicht der weiteren Entwicklung des MGV "Harmonie" entgegensehen konnten.
Während der fünfziger und sechziger Jahre nahm unser Verein an ungezählten Sängerfesten und anderen Veranstaltunqen der Nachbarvereine teil. Er selbst konnte vom 2.-5. Juni 1957 sein 90-jähriges Stiftungsfest begehen. Den älteren Sangesbrüdern, die dieses Fest noch in Erinnerung haben, wird die ungeheure Hitze beim Festumzug an jenem 2. Juni unvergessen bleiben: 24 auswärtige Gesangvereine und 6 andere Schlewecker Vereine und Verbände schwitzten mit uns um die Wette!
Das alljährlich stattfindende Freundschaftssingen der Ambergau-Vereine, das unter der Bezeichnung "Ambergau-Singen" bekannt geworden ist. Es wurde im Januar 1957 durch den "Volkschor" in Bockenem ins Leben gerufen. Auch unser Verein nahm jedes Jahr an dieser Veranstaltung teil.
Vom 3. – 5. Juni 1967 feierte unser Verein sein 100 jähriges Bestehen mit einem großen Zelt-Fest.
Die 1.Vorsitzenden und die Chorleiter wurden hier einmal aufgelistet. Ebenso die Mitglieder Stand Juni 1967:
1. Vorsitzende:
Gründer: 1.Heinrich Allers; 2. Wilhelm Schlüter; 3.Hermann Klingemann 4.August Schumann; 5.Karl Strauß; 6.August Emmermann; 7.Karl Kiene von 1949 -1971  ; 8. Heinz Krause; 9.Karl Müller, ab Januar 1976.
Chorleiter: 1. Unbekannt; 2. Musikus Schirmer aus Sottrum; 3. Musikus Pischkalla aus Bockenem; 4.Musikus Steckhahn aus Bockenem; 5.Herr Hacke aus Bockenem; 6.Hilfslehrer Walter Koch 1919 – 1921 Schlewecke; 7.Lehrer Alfred Götte 1921 – 1934 Schlewecke; 9.Lehrer Wilhelm Angerstein und Lehrer Denecke 1934 – 1939; 10.Lehrer Walter Koch 1948 – 1954; 11.Karl Linde 1954 – Jan.1971; 12. Lehrer Wolfgang Wollesen. 1971 -14.3.74.
 
Mitglieder vom Männergesangverein im Jahr 1967:
 
. 1. Tenor:  Erich Czymai;  Dieter Fellmann; Willi Friedrichs; Karl Kiene; August Eckerlebe; Otto   Meier; Otto Mittwoch; Willi Schubmann; Manfred Spengler; August Strauß; Hermann Wolf; August Ziegenbein; Karl Linde.
. 2. Tenor:. Werner Fellmann; Otto Pfitzner; Gustav Hansmann; Ernst Hubertz; Horst Koschnitzke; Wilhelm Linde; Gerhard Rauprich; Richard Schrader jun.; Manfred Lohmann.
. 1. Bass: .Bernd Fellmann; Robert Lampe; Robert Linde; Karl Müller; Karl Ortner; Kurt Runge; Horst Schaper; Wolfgang Wollesen.
. 2. Bass:  Otto Achilles; Heinz Krause; Herbert Krause; Horst Krause; Hermann Linde; Heinz Schmidt; Richard Schrader sen.
. passive Mitglieder:
Karl Bartölke; Alfred Borchers; Hermann Brandes; Hermann Burgdorf; Günter Helmke; Heinz Kassülke; Rudi Krüger; Otto Meyer; August Müller; Karl Schumann sen.; August Becker; Ernst Ochsmann.
Der Chor erhielt am 26. Mai 1968 während eines in Schlewecke stattfindenden Waldsingens  als hohe Auszeichnung die Zelter Plakette
Es war bezogen  auf die Männergesangvereine allgemein zu der Zeit längst kein Geheimnis mehr, dass überall Schwierigkeiten bestanden und der Nachwuchs rar geworden ist. Die Freude am Gesang, das Erlebnis des gemeinsam im Chor oder in einer Gruppe vorgetragenen Liedes wurde immer weniger Leuten zu teil, und zwar in dem Maße, wie die Märkte der modernen Unterhaltungsmusik sich ausweiteten, wie Musik von den Leuten nur noch konsumiert und nicht mehr produziert wurde und wie die Pflege des Liedes in Schule und Elternhaus mehr und mehr verloren ging. Auch die geänderten Arbeitsbedingen mit unterschiedlichen Schichtdiensten und vor allen Dingen die Modernisierung mit der immer größeren Zunahme von Verkehrsmitteln für jedermann trugen da zu bei.
Der Männergesangverein Harmonie Schlewecke ist von dieser Entwicklung leider nicht verschont geblieben. Ein Jahr nach dem 100 jährigen Jubiläum, im Jahr 1968, zählte man noch 31 Aktive, 13 Passive und 8 Ehrenmitglieder. Knapp 10 Jahre später hat der Chor 17 Aktive, 17 Passive und 9 Ehrenmitglieder.
Trotz dieses bedauerlichen Rückganges der aktiven Zahl erfreute sich der Chor wie auch in den früheren Jahren großer Beliebtheit bei der Bevölkerung des Dorfes. Das zeigte sich immer wieder bei den öffentlichen Veranstaltungen, bei denen die Sänger auftraten, bei den regelmäßig stattgefundenen Waldsingen, bei den. obligaten Ständchen und den Liedgutvorträgen anlässlich von Altenfeiern und adventlichen Zusammenkünften. Anerkennung fand auch die. Tatsache, dass der Männergesangverein Harmonie Schlewecke innerhalb des kulturellen Lebens des Dorfes einen Mittelpunkt darstellte und eine wesentliche Aufgabe hinsichtlich der Gemeinschaftspflege erfüllte.
Die Vereinstätigkeit war rege. Das beweist ein Rückblick auf die Veranstaltungen in den 1960er Jahren . Das Protokollbuch zählt auf: Die Teilnahme am Ambergausingen, der Besuch von Sängerfesten, das Waldsingen in Bönnien, Singen im Altersheim Bockenem und bei der Altenfeier in Schlewecke, Teilnahme an der Gefallenenehrung zum Volkstrauertag, das Wintervergnügen in Werder und acht Ständchen im Dorf.
Anfang  der 1970er Jahre ging die Zahl der Sangesbrüder immer weiter zurück. Aus diesem Grund stellte der Chorleiter Wolfgang Wollesen  dem Verein am 14.3.74 ein Ultimatum. Entweder es wird ein gemischter Chor gegründet oder er stellt sein Amt zur Verfügung. In einer Versammlung wurde dann am 27.4.1974 beschlossen sich mit der Liedertafel Bockenem zusammen zu schließen, da der Verein allein nicht mehr singfähig war. Der Chorleiter, Herr Stehn,  wurde von der Liedertafel gestellt.  Gesungen wurde abwechselnd ein Jahr in Schlewecke in der Gaststätte  Gustav Hansmann, und ein Jahr in Bockenem  im Hotel  Wilhelm Kolle. . Im Juni 1977 wurde das 110 jährige Bestehen mit einem Zelt - Fest gefeiert.  Aber auch gemeinsam  hatte der Gesang keine Zukunft. Die Teilnahme an den Singabenden ließ immer mehr nach, und so beschloss man  am 5.1.1980 bei der Jahreshauptversammlung eine Singruhe. Ende des Jahres 2003 schloss die Pächterin Frau Schrader die Gastwirtschaft , ein neuer Pächter wurde nicht gefunden, und so wurde das Haus verkauft.
Nach Rücksprache des Vorstandes mit dem neuen Besitzer konnten aber die Fahne und alle anderen Gegenstände wie Pokale, Banner  und Plaketten weiterhin in einem Schrank in dem  ehemaligen  Singraum verbleiben. Doch nach einer geraumen Zeit hatte ein Verwandter eines Schlewecker Bürgers auf einem Flohmarkt in Osnabrück eine Fahne mit dem Aufdruck  < Männer Gesang Verein Harmonie Schlewecke 1867 -   1927 > gesehen. Als der Vorsitzende Karl Müller daraufhin in Schlewecke nachforschte, war die Fahne tatsächlich verschwunden und konnte nicht wieder aufgetrieben werden. Die noch vorhandenen Gegenstände wurden sofort  mitgenommen und an einem anderen Ort gelagert. Der Vorgang wurde der Polizei gemeldet, die Ermittlungen wurden aber erfolglos eingestellt.
Nach mehrjähriger Ruhepause wurde am 6..3.2007  in einer Versammlung der noch lebenden Mitglieder beschlossen den Verein zu schließen. Die großen Pokale wurden dem Heimatmuseum in Bockenem zur Verfügung gestellt. Die Plaketten, Protokollbücher und sonstigen kleinen Utensilien wurden im Dorfgemeinschaftsraum in einem Wandschrank mit einer Glastür und Beleuchtung  für die Nachwelt untergebracht. Das noch vorhandene Restguthaben wurde für die Jugendfeuerwehr und die Jugendgruppe der Kyffhäuser Kameradschaft gestiftet.
Am 15.5.2007 wurde der Verein aufgelöst.
 
Weitere Ausführungen können in der Festschrift von 1967 nachgelesen werden.
 
Quellenangabe: Festschrift des Männer-Gesangvereins  >Harmonie< Schlewecke von 1967